Vorschlafen – Ist es wirklich möglich?

 

Jeder von uns hat seinen eigenen Schlafrhythmus, den unsere innere Uhr weitestgehend bestimmt. Abgesehen natürlich von den Zeiten, in denen wir für Job und Familie auf den Beinen sind. Diese Zeiten passen zwar nicht immer ganz genau, aber irgendwie funktioniert es dann doch mit dem Schlafen, dem individuellen Schlafbedarf und dem einigermaßen ausgeruhtem Erwachen. Doch hin und wieder stehen Termine an, von denen man von vornherein weiß: das wird ein langer Abend! Dann kommt sehr häufig die Idee auf, einfach vorzuschlafen, um nicht zu wenig Schlaf zu bekommen. Doch geht das wirklich?

 

Der menschliche Schlafrhythmus und das Vorschlafen

 

Zwar haben wir alle einen etwas anderen Schlafrhythmus, doch in seiner Basis ist er bei jedem gleich. Denn vom Einschlafen bis zum Aufwachen folgt jeder menschliche Körper bestimmten Schlafphasen, die sich abwechseln und von der Natur aus so vorgegeben sind. Ist der Schlaf gesund und ungestört, gehören dazu also fünf Phasen:

  • Einschlafphase
  • Leichtschlafphase
  • Tiefschlafphase
  • REM-Phase, auch Traumphase genannt
  • Aufwachphase

Selbst die Einschlaf- und Aufwachphase gehören in der ganzen Nacht zu diesem Zyklus, denn jeder wacht mehrmals pro Nacht auf. Im Normalfall bemerkt man davon kaum etwas, denn bei einem gesunden Schlaf werden wir nicht bewusst und vollständig wach.

Wann wir üblicherweise richtig müde werden oder zu welchen Zeiten wir besonders fit sind, bestimmt dabei nicht allein unser individueller Lebensrhythmus, sondern immer auch unsere innere Uhr. Die ist eng an unsere Erbanlagen gekoppelt, weswegen es eben zum Beispiel auch Nachteulen und Frühaufsteher gibt.

Das Vorschlafen passt hier nicht wirklich hinein, denn man kann Schlaf nicht auf Vorrat halten oder für den späteren Gebrauch abspeichern, wie in einer Cloud.

Ein Schlafkonto mit Guthabenoption gibt es also nicht. Selbst dann nicht, wenn wir ein erhöhtes Schlafbedürfnis haben.

 

Die innere Uhr bestimmt den Schlafrhythmus

 

Jede innere Uhr tickt also ein wenig anders. Da ändert auch keine Schichtarbeit oder der regelmäßige Schulalltag etwas daran. Doch wir zivilisierten Menschen leben ständig nach einer Uhr, nur nicht immer nach der inneren. Denn der Alltag bestimmt sehr häufig unsere Aufwachzeiten zum Beispiel. Deswegen haben viele oftmals das Gefühl, dass es noch viel zu früh ist, um aufzustehen, weil die Pflicht ruft.

Heutzutage, wo sich unser gesellschaftliches Leben tagsüber viel zu oft in geschlossenen Räumen abspielt, sind es aber auch sehr oft die Einflüsse der Lichtverhältnisse, die daran schuld sind, ob wir müde oder wach sind. Denn wer den ganzen Tag in der Schule oder der Uni zugebracht hat, bekommt erst einmal viel zu wenig Licht. Dafür wird es dann am Nachmittag und am Abend zu einer erhöhten Versorgung mit Tageslicht kommen, weswegen wir uns wieder fitter fühlen und gern auch einmal später ins Bett gehen. Muss man dann früh raus, kommt es rasch zu einem Schlafdefizit.

Ab und an haben wir dann das Gefühl, vorschlafen zu müssen. Doch gerade dann, kann man eben nicht schlafen, wenn man etwas früher ins Bett geht. In diesem Fall hat sich der sogenannte Schlafdruck noch nicht vollständig aufgebaut. Bei fast allen Menschen braucht es nämlich rund 16 Stunden, bis dieser Druck so groß ist, dass man auch tatsächlich die ganze Nacht durchschlafen kann. Gibt es also doch so etwas wie ein Schlafkonto?

 

 

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Das Schlafkonto folgt ganz eigenen Regeln

 

Der Begriff Schlafkonto mag ein wenig irreführend sein. Denn im Grunde gibt es so etwas nicht, da wir grundsätzlich nur so viel schlafen können, wie unser Körper braucht. Allerdings gehören nicht jene Zeiten hinein, in denen wir durch unseren Alltag gezwungen sind aufzustehen. Auch ein gestörter Schlaf ist hier nicht der Ausgangspunkt.

Da der Körper sich seinen Schlaf holt, den er braucht, kann man also nicht zu lange schlafen. Von Natur aus wachen wir also eigentlich auch ganz von alleine auf, sobald das Schlafkonto beziehungsweise unsere Energiereserven wieder aufgefüllt sind.

Doch diese Reserven durch ein Vorschlafen schneller oder vorzeitig wieder auffüllen zu wollen, funktioniert nicht. Denn das sogenannte Schlafkonto ist kein Guthabenkonto, sondern dient maximal dazu, „Schulden“ zu begleichen. Zinsen gibt es im Übrigen hierbei auch nicht.

 

Was sagt die Schlafforschung zum Vorschlafen?

 

Viele Studien haben sich bereits mit dem Vorschlafen beschäftigt. Dabei hat die Schlafforschung immer wieder festgestellt, dass es eben nicht funktioniert, früher ins Bett zu gehen, um beispielsweise am nächsten Tag ausgeruhter zu sein.

Das einzige was funktioniert, ist das kurze Nickerchen am späteren Nachmittag oder Abend, wenn man anschließend ein spannendes Fußballspiel im Fernsehen verfolgen will oder in der Nacht noch einen Freund vom Flieger abholen will.

Doch in diesem Zusammenhang kann man eigentlich nicht wirklich vom Vorschlafen sprechen, da diese kurze Zeit niemals ausreicht, um alle Energiereserven wieder aufgefüllt zu haben. Zudem ist das auch nur eine Möglichkeit, die man mal machen kann.

Zur regelmäßigen Auffüllung von körperlichen und geistigen Energiereserven taugt das nicht!

Kommt es zu einem Schlafdefizit, aus welchen Gründen auch immer, kann man nur dahingehend für Besserung sorgen, dass man zeitnah versucht, länger zu schlafen.

Man kann also das Schlafkonto maximal auf null setzen, indem man sich ausschläft, um das Schlafdefizit wieder auszugleichen.

Tipp: Vorhersehbaren Schlafdefiziten kann man gegensteuern, indem man beispielsweise mit vollen Energietanks in das lange Party-Wochenende oder auf den Langstreckenflug startet. Anschließend sollte aber möglichst genug Zeit eingeräumt werden, um den fehlenden Schlaf wieder nachzuholen.

 

Fazit

 

Vorschlafen funktioniert also nicht wirklich, auch wenn wir uns das hin und wieder gern einreden wollen. Denn wir haben kein Schlafkonto, bei dem man Schlafeinheiten anhäufen kann, um sie zu gegebener Zeit abrufen zu können.

Wer zu wenig Schlaf bekommt, kann dieses Schlafdefizit besser durch ein Ausschlafen oder Nachholen von Schlafenszeit ausgleichen. Dabei wird es aber auch nicht dazu kommen, dass man eine strikte Stundenzahl ansetzt. Denn der Körper holt sich genau den Schlaf, den er benötigt, um alle Energiereserven wieder vollständig aufzufüllen. Zumindest, wenn man ihn lässt. Er holt sich also nicht mehr und nicht weniger Schlaf. Wieviel Schlaf aber nötig ist, hängt von jedem Menschen und seiner inneren Uhr beziehungsweisen seinem Schlafbedürfnis und seinen Schlafgewohnheiten ab.

Auf Dauer an Schlafdefiziten zu leiden führt allerdings schnell zu massiven Schlafstörungen, die dann unbedingt mit dem Arzt besprochen werden sollten und deren Ursachen so schnell wie möglich beseitigt werden sollten. Denn diese Störungen führen überraschend schnell zu gesundheitlichen Beschwerden.

 

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